Leseprobe aus dem Band 'Kurzgeschichten - wie sie das Leben schreibt.'

KRIEGERWITWE


Sommer 1996, - erster Ferientag. – Wir sitzen am Frühstückstisch und unterhalten uns über die morgige Urlaubsreise, beziehungsweise deren Ziel.
Wir, das sind meine vierunddreißigjährige Ehefrau Ulrike, meine vierzehn Jahre junge Tochter Stefanie und ich, Reiner Lüdecke, - Sechsunddreißig.

Ich bin Zahnarzt mit eigener Praxis; meine Frau führt, seit Stefanies Geburt, gemeinsam mit einer Hilfe unseren Haushalt.
Stefanie ist Schülerin. Da unsere Tochter von Deutschland noch nicht allzu viel gesehen hat, wir leben im Südwesten des Landes, kamen wir überein, unseren diesjährigen Urlaub im Lande zu verbringen. Wohin die Reise gehen wird, soll ich alleine bestimmen – auch im Einverständnis mit meinen beiden Lieben – und ich mache ein rechtes Geheimnis über das Ziel der Fahrt.....

Komm, Papa; verrate doch endlich, wohin es geht !“
Genüsslich trinke ich einen Schluck Kaffee und wische mir umständlich mit der Serviette über die Lippen.
Du weißt doch, dass dies Papas Geheimnis ist und auch bleiben soll, mein Kleines.“
Gespielt empört beschwert sich Stefanie:
Du redest schon wieder mit mir in der Babysprache!“
Wie soll ich sonst mit dir reden,“ lache ich, „du bist neugierig wie ein Baby, also...“
Mami,“ ruft Stefanie lachend, „verbiete Papa, mich wie ein Baby zu behandeln!“

Doch meine gute Ulrike, die unser Beider Kabbeleien kennt und im Stillen genießt, schweigt und mischt sich keineswegs in diese `unsere Angelegenheit. ́ Ulrike weiß selbstverständlich, wohin die Reise gehen wird; doch dies Wissen wiederum hält sie vor unserem `Baby ́ ebenso geheim, wie ich das Ziel der Reise.

Ich muss doch wissen, was ich einpacken soll,“ fährt Stefanie, raffiniert, wie sie schon ist, fort, „stellt euch vor, das Urlaubsziel ist in Meeresnähe und ich habe nichts dabei, um meine Haut vor der salzigen Luft zu schützen. Es ist nicht reine Neugier, sondern praktische Überlegung, aus der heraus ich frage.“
Erheitert schlage ich vor:
Nimm einfach genügend Seife mit, mehr brauchst du nicht.“
Seife ?? – Papa ! Sag mir sofort, wo wir hinfahren !“
Ich gebe mich einlenkend:
Nun, - da deine Argumente von gesundem Menschenverstand zeugen, werde ich dir den Anfangsbuchstaben des Namens dieser Gegend verraten. – Der Name beginnt mit einem `R. ́ R wie Rätsel.“

Gerunzelte Stirn und nachdenkliche Miene bei meiner Tochter.
Mit R ? – Papa, wir wohnen in Rheinland-Pfalz; sonst fällt mir mit R nichts ein.“
Sehr scharfsinnig, meine Süße,“ lobe ich ernsthaft, „ich habe für einen Monat Frau Schönhubers Balkon gemietet; dort werden wir unseren Urlaub verbringen!“
Einen Schmollmund ziehend, wendet sich Stefanie hilfesuchend an ihre Mutter:
Mami, - hilf mir. Was gibt es mit R ? Welche Region beginnt mit R ?“
Ru,“ helfe ich, „Ru, Ru – Ruh...“
Ruh - ? Och Papa – es gibt kein Ruh ! Bitte !!“
Gut,“ gebe ich mich scheinbar geschlagen, „dann eine andere Hilfe: Was tut man, wenn man hungrig ist ?“
Man isst...?!“
Erstaunen nun im Gesicht meiner Tochter.
Was hat...?“
Schon gut; so herum geht es nicht,“ gebe ich zu, „dann stelle ich die Frage anders: Was tut Mami, wenn das Baby hungrig ist ? – Sie kocht das ...?“
... Essen ? Essen... – oh Papa ... Nein ! Essen – Ruhrgebiet ?! Was wollen wir in Essen ?“
Nun,“ brumme ich, „nicht direkt in Essen, aber Ruhrgebiet ist richtig.“
Papa, du hast Berge versprochen !“
Ja, - und ?“

Das Erstaunen, in Stefanies Gesicht klar abzulesen, ist nun wirklich echt. Ein Blick zu ihrer Mutter, dann wieder zurück zu mir.
Aber, aber ... es gibt doch im Ruhrgebiet keine Berge , - oder...?“
Was ?!! Keine Berge ? Es gibt riesige Kohlenhalden, meine Kleine ! Du wirst staunen.“
Ulrike kann nicht mehr an sich halten und prustet mit abgewendetem Gesicht los.
Papa, du bist unmöglich,“ kichert mein kleiner Schatz, „ hat Mami schon die Fahne genäht ?“
Welche Fahne,“ staune jetzt ich.
Ja, du wirst doch sicher einen dieser Kohleberge besteigen und deine ganz persönliche Fahne auf dessen Gipfel hinterlassen wollen, während ich dich dabei fotografiere.“

Eins zu Null für meine gewitzte Tochter bestätigt auch Ulrikes anerkennender Blick. Ich gebe mich also geschlagen und rücke mit der Wahrheit heraus:
Es geht in den Süden – nach Bayern !“

Doch die genaue Gegend verrate ich dennoch nicht....
Das Allgäu ist unser Ziel und zwar die Umgebung von Nesselwang; das heißt, für die beiden ersten Wochen; danach geht es weiter zum Grünten an den Grüntensee, wo wir Zimmer in einem ruhigen Gasthof nehmen und uns die Zeit mit Schwimmen und Sonnenbaden vertreiben werden.
Selbstverständlich werden wir auch Ausfahrten und Spaziergänge unternehmen, denn schließlich soll Stefanie ja etwas vom Land kennenlernen.
Bisher flogen wir lediglich irgendwohin ins Ausland, so dass die `Kleine ́ sich Zuhause wirklich nur sehr schlecht, besser gesagt, überhaupt nicht, auskennt.

- Stefanie ist wirklich begeistert und genießt sogar die ausgedehnten Spaziergänge mit den Eltern in dieser ruhigen Umgebung.
Es ist richtig gemütlich hier,“ gesteht sie, „viel schöner, als in den überlaufenen Gegenden, in welchen wir bisher unsere Urlaube verbrachten.“
Es freut mich, dies zu hören, denn auch Ulrike und ich sehnen uns eher nach Ruhe, denn allzu lautem und quirligem Chaos im Urlaub, nach dem doch recht betriebsamen Alltag.

Die beiden Wochen in Nesselwang und Umgebung sind vorüber und wir fahren weiter zum Grünten, um unsere vorgebuchten Zimmer in Beschlag zu nehmen.
Die Pension führt eine gemütliche Gaststube, in der wir alltäglich unsere Mahlzeiten einnehmen und in welcher ich am Nachmittag, während meine beiden `Weibsleut ́ noch an ihrem stillen Fleckchen am Grüntensee bleiben, sitze, um ein oder auch zwei dunkle Biere zu trinken.
Schon nach wenigen Tagen habe ich mich eingewöhnt und erkenne die Stammgäste der kleinen Wirtschaft, bei welchen es sich selbstverständlich nicht um Hotelgäste, sondern um Einheimische handelt. –

So sitzt zum Beispiel ein pfeife-rauchender, bärtiger älterer Mann mit dem Rücken zur Wand, vor sich seine Ein-Liter-Maß Bier und trinkt für sich alleine, ohne sich im Geringsten durch das Treiben der weiteren Gäste stören zu lassen.
Drei weitere Herren, von welchen zwei ihr Bier, einer jedoch Wein trinkt, sitzen an einem eigenen Tisch. Diese Drei nun geben ihre Kommentare zur Unterhaltung fünf weiterer Stammgäste ab, welche am Nebentisch der Drei sitzen und ausschließlich Bier und `Obstler ́ trinken.

Bei diesen Fünfen handelt es sich um Männer zwischen wohl zweiundzwanzig und dreißig Jahren und es geht an ihrem Tisch ausgesprochen lustig zu...

Am dritten Tage höre ich, beim Abschied der fünf lustigen Burschen, zum erstenmal den Satz, den ich später noch oft hören soll:
Auf, - lasst uns zur Kriegerwitwe gehen. Jemand muss sich doch um sie kümmern !“
Es ist noch eine halbe Stunde bis zum Abendessen und ich gehe auf unser Zimmer, um mit den beiden mittlerweile Zurückgekehrten später gemeinsam zum Essen zu erscheinen.

- Wir sitzen bei der Abendmahlzeit und ich schnappe vom Tisch der drei Herren Wortfetzen auf.
Diese Hallodri! – Nur Blödsinn im Kopf! Sollten heiraten, wie jeder anständige Bursch; dann würden ihnen die Flausen schon vergehen!“

Das Essen ist wie immer ausgezeichnet und wir unternehmen danach noch einen kurzen Verdauungs-Spaziergang, wonach sich Stefanie zu ihrer Musik in ihr Zimmer zurückzieht.
Ulrike und ich trinken in der Gaststätte noch je ein Viertel Wein und ziehen uns sodann ebenfalls zurück.

Am Nachmittag darauf das gleiche Bild: Der aus dem Bier-Seidel Trinkende einsam in seiner Ecke; die drei Kommentatoren an ihrem gewohnten Tisch – sowie die fünf lustigen Gesellen, die sich munter unterhalten und dann und wann zu Bemerkungen vom Nachbartisch kurze Antwort zurückgeben.
Wer ko, der ko !“ ist stehende Redensart der Fünf und ich höre dieses `wer ko, der ko ́ tagtäglich, begleitet von fröhlichem Gelächter.
Ja,“ empört sich einer der Drei, nachdem die Fünfe am frühen Abend gegangen sind, „wer kann, der kann; doch endlich heiraten kann anscheinend Keiner von Denen!“
Richtig; aber Weibsleut’ besuchen, das können sie!“
Ich leere mein Glas und gehe nach Oben, um mich für das anschließende Abendessen fertig zu machen.
Am Tage darauf bin ich etwas früher und höre noch die Antwort eines der jungen Burschen auf eine offensichtlich von den Dreien gestellte Frage:
Freilich kümmern wir uns um die Kriegerwitwe gemeinsam. Irgendwer muss es ja schließlich tun! Was sollte die arme Frau denn ohne uns beginnen?“
Ja, ja,“ kommt die mürrische Erwiderung vom Tisch der Drei, „euer Sichkümmern wird sie schon nötig haben !“

Ich bekomme mein Bier und hänge meinen Gedanken nach....
Die jungen Burschen kümmern sich also um eine alte Frau. Sehr lobenswert. Wo findet man das heute noch? Heute ist doch Jeder nur noch an sich selbst interessiert und kennt nur die eigenen Sorgen und Probleme. Nett von den Fünfen! Ich hoffe, dass sie sich von diesen drei Miesepetern nicht beirren lassen, sondern sich weiterhin um die Kriegerwitwe kümmern.

Am Abend erzähle ich Ulrike von den Fünfen und lobe Diese über den Grünen Klee:
Leider gibt es viel zu wenige von dieser Sorte. – So ein lustiges Völkchen, doch sie stehen auf, wenn es Zeit ist, sich um die Kriegswitwe zu kümmern. Da kann sich so Mancher eine Scheibe davon abschneiden.“
Ulrike stimmt mir zu und am nächsten Tag erzählen wir auch Stefanie davon, in der Hoffnung, dass auch unsere `Kleine ́ sich `davon eine Scheibe abschneiden ́ wird.

Am folgenden Tage kommen Ulrike und Stefanie bereits am Nachmittag mit mir in die Wirtsstube, da ich Beide neugierig auf die Burschen gemacht habe. Wir sitzen am gleichen Tisch, an welchem ich üblicherweise sitze; unterhalten uns gedämpft und lauschen mit einem Ohr auf die Unterhaltungen der lustigen Fünf.
Diese Drei dort sind die Miesmacher ?“
Ulrike hat die fragenden Worte geflüstert, während sie eine unmerkliche Geste zum Tisch der Drei macht.
Ja,“ bestätige ich, „das sind die Drei.“
Sie sollten sich an der eigenen Nase fassen,“ flüstert Stefanie empört und wir stimmen ihr zu.
Junge Leute haben es wirklich nicht leicht, geht es mir durch den Sinn; das war vermutlich zu allen Zeiten so, denn ab einem gewissen Alter stellt man wohl sein Denken um und vergisst die Gedanken und Bedürfnisse aus der eigenen Zeit der Jugend.

Am nächsten Nachmittag sitze ich wieder ohne meine Lieben an dem mir nun bereits angestammten Platz und höre der Unterhaltung der beiden `heimlich verfeindeten Tische ́ zu.
Es ärgert mich ungemein, dass die Drei so gar keine Ruhe geben wollen und mit ihren Sticheleien über die alte Dame fortfahren. Ostentativ erhebe ich darum nach einiger Zeit mein Glas und proste der Fünfergruppe zu:
Aufs Wohl, meine Herren!“
Die Geste wird unverzüglich erwidert und ich habe den Eindruck, dass die Drei am `feindlichen Tisch ́ darüber verärgert sind.
`So; geschieht euch ganz recht, ihr Sauertöpfe. Jetzt wisst ihr, auf wessen Seite ich stehe! ́
Zufrieden mit mir selbst, trinke ich aus meinem Glas und freue mich kindisch über die `Niederlage ́ der drei Spötter.
Meine Sympathien sind eindeutig auf der Seite der Fünf. Deshalb bleibe ich heute auch nicht sitzen, um mir die Schimpferei der drei `Miesepeter ́ weiterhin anzuhören, sondern verlasse gleichzeitig mit den Fünfen die Gaststube und gehe auf unser Zimmer, um die Rückkehr Ulrikes und Stefanies zu erwarten.

Abendessen; danach ein gemeinsamer Spaziergang. Stefanie und Ulrike wollen darauf in den Zimmern bleiben, um zu lesen, so dass ich beschließe, noch auf ein Viertel Wein in die Gaststube zu gehen, um den Abend ausklingen zu lassen.

- Von den Stammgästen ist keiner mehr da; andere Durstige sind an Deren Stelle getreten.
Der Wirt bringt mir den Wein und ich frage ihn, ob er sich nicht einen Moment zu mir setzen wolle, da ich sehe, dass die anderen Gäste im Augenblick versorgt zu sein scheinen.
Der Wirt setzt sich gerne auf ein Achtel zu mir und ich beginne, ihn vorsichtig über die fünf Burschen auszufragen.
Oh; - das sind rechte Hallodri,“ meint der Gefragte schmunzelnd und augenzwinkernd, „die Fünf haben nur Blödsinn in ihren Köpfen und machen hier die Gegend mit ihren Neckereien unsicher.“
Ich lasse mir einige diesbezügliche Anekdoten erzählen und komme zu der Ansicht, dass, sofern die Berichte zutreffend sind, es sich doch um rechte Weiberhelden handeln muss.
Trotzdem versuche ich, die Burschen zu verteidigen:
Sie scheinen mir dennoch das Herz auf dem rechten Fleck zu haben; so wie sie sich um diese arme alte Frau kümmern.“
Entgeistert blickt der Wirt mich an.
Welche alte Frau?“
Na, diese Kriegerwitwe, zu der sie doch augenscheinlich allabendlich gehen, wie ich aus den Gesprächen hier entnahm.“

- Es dauert zwei Sekunden, dann bricht der Herr Wirt in ein schallendes Gelächter aus.
Ja, - mein Gott,“ ruft er und kann sich kaum halten vor Lachen, „ die Agnes ! - Die Agnes ist Achtundzwanzig, lieber Herr – und eine rechte `Lustige Witwe ́ ! - Sie ist die Witwe des seligen, verunglückten Alois Krieger...! - Darum die `Krieger – Witwe ́ !“


Aus dem Band

'Kurzgeschichten
...wie sie das Leben schreibt'

von B. Mich. Grosch

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