Leseprobe aus dem Humor-Band
'Mein Freund Zimmermann'

DER FEUERWERKER


Zu Silvester hat es wieder einmal mächtig geknallt. Sprengkörper wurden gezündet, Raketen abgeschossen, welche feurige Räder in den nächtlichen Himmel zauberten und was weiß ich noch alles.

Mit meinem Freund Zimmermann und zwei weiteren befreundeten Mitgliedern meines Anglervereins verbrachte ich die Silvesternacht.
Zimmermann hatte in seinem Garten bereits alles vorbereitet für die nächtliche Ballerei. Raketen waren aufgestellt - sich nach dem Zünden drehende, farbige Räder - und wieder Raketen. Raketen, Raketen, Raketen....

Seitdem Zimmermann im Fernsehen einen Bericht über Feuerwerker sah, redet er kaum noch über etwas Anderes. – Nachdem das Feuerwerk abgebrannt war, (Er stürzte sich wirklich in Unkosten, um uns ein wahrhaft schönes, ohrenbetäubendes Schau-und Hörspiel zu bieten ) fuhren wir zu mir nach Hause und genehmigten uns den Silvester–Punsch.
Erst gegen 03°° Uhr morgens verließen meine Gäste mich, um sich im Taxi nach Hause fahren zu lassen.

Neujahrstag. – Ich muss meine Zeit aufteilen zwischen Anglerverein und Schrebergarten–Freunden. Die Gartenfreunde treffe ich am Vormittag - die Angler am Nachmittag.
Seltsamerweise taucht mein Freund Zimmermann weder hier, noch dort auf, obwohl auch er bei den Anglern eingeladen ist. Am Abend rufe ich ihn an:
Wo hast du den ganzen Tag gesteckt? Wir vermissten dich.“
Ich habe zu tun,“ brummt er, „ich muss Berechnungen anstellen.“
Nanu,“ wundere ich mich, „hast du deine Uhr verloren?“
Nein,“ antwortet er ungerührt, „ich muss jetzt auflegen. Habe zu tun.“
Damit ist die Verbindung unterbrochen. Ich wundere mich. – Was kann er wohl zu berechnen haben? Die Zeit bis zum nächsten Jahreswechsel? Ich beschließe, ihn morgen aufzusuchen, um nach dem Rechten zu sehen. Irgendetwas kann bei ihm nicht stimmen.
- Er hat zu tun. – Pah ! –

Am nächsten Vormittag stehe ich vor seiner Haustür und läute Sturm.
Nach geschlagenen vier Minuten öffnet er mir endlich die Tür.
Ich habe nicht viel Zeit, - Sag, was du von mir willst - und lass mich dann weiterarbeiten!“
Mir bleibt vor Überraschung der Mund offenstehen. – Da soll ihn doch ....! Ich dränge mich an ihm vorbei und in sein Wohnzimmer. Auf seinem Glastisch ein Stapel Schreibpapier - teils bereits beschriebene Blätter liegen kreuz und quer daneben.
Auf jedem Blatt sind spiralige Linien zu erkennen sowie der Name `Zimmermann ́. `Zimmermann ́ und immer wieder `Zimmermann ́.
Ich verstehe; - du übst deine Unterschrift. Muss ja auch lästig und peinlich sein, immer mit dem Daumenabdruck zu quittieren .“
Die Ironie bleibt unbeachtet. Er sitzt schon wieder auf seiner Couch, malt diese spiraligen Linien und seinen Namen auf die bereitliegenden Blätter. -
Ich beeile mich, sein Haus zu verlassen. - Wer weiß, wozu er imstande ist ?! Ich werde mich mit einem befreundeten Nervenarzt unterhalten.....

Ich unterhalte mich mit den Schrebergärtnern:
Ja; - seit einiger Zeit hat er nur noch Raketen und Feuerwerk im Kopf,“ bemerkt ein Lehrer, „warum er allerdings seinen Namen schreibt....“
Ratlosigkeit bei uns Allen. Wir kommen überein, dass ich, als sein bester Freund, morgen noch einmal versuchen solle, herauszufinden, was denn in aller Welt, in ihn gefahren sei.
Würde dies nichts fruchten, müsse man zu drastischeren Maßnahmen übergehen. - Worin diese aber genau bestehen sollen, kann mir allerdings auch Niemand sagen. Also bleibt Alles wieder einmal mehr an mir hängen....

Ich fahre zu ihm; - am nächsten Vormittag. Er sitzt bereits in seinem Garten und bastelt.
Was soll das werden,“ frage ich, „willst du mich nicht endlich aufklären ?“
Eine Rakete; - eine Feuerwerksrakete,“ antwortet er kurz angebunden.
Aber die gibt es doch schon. Du kannst sie käuflich erwerben,“ erwidere ich verständnislos.
Dies ist nur ein Modell,“ klärt er mich auf, „ich werde eine große Rakete bauen,; wie sie auch die professionellen Feuerwerker benutzen. – Doch erst muss dieses verflixte Modell funktionieren.“

Ich spreche zu ihm, wie zu einem Kind:
Hör’ zu, mein Guter; nimm einen mit Gas gefüllten Ballon und hänge ein Briefchen daran. Auch so kannst du deinen Namen mitsamt einer Nachricht und deiner Adresse verbreiten. Wozu dieses ganze Theater ?“
Du bist ein Ignorant,“ erwidert er, „ich fahre nächste Woche zu einer Vorführung bayerischer Feuerwerker. Wenn du magst, kannst du mich ja begleiten. Doch jetzt lass’ mich zufrieden; - ich muss arbeiten!“

Dies war sein letztes Wort. Ich sehe es ein und mache mich wieder auf den Nachhauseweg.
Nächste Woche? - Hm, warum nicht? Es könnte interessant werden. Vielleicht gelingt es mir dann, es diesem ungeschickten Tölpel auszureden. Hantieren mit Sprengstoff – und darum handelt es sich ja letztendlich – ist gefährlich. Außerdem bedarf es gewiss irgendwelcher Genehmigungen. – Ich werde Zimmermann im Notfall mit Anzeige bei den Behörden und mit der Polizei drohen ! – Ja; mein Entschluss steht fest. So werde ich es machen ! Dieser Idiot wird sich ernstlich verletzen. – Bei seiner Ungeschicklichkeit ! –

Noch am selben Abend rufe ich ihn an und erkläre ihm, dass ich bereit bin, ihn zu begleiten.
- Er taut auf – und wir unterhalten uns noch mehrere Minuten.-- Im Prinzip wäre es nur eine Übernachtung, doch würden es für uns deren zwei werden, da er schon einen Tag früher fahren möchte, um den Feuerwerkern bei ihren Vorbereitungen zuzusehen. – Mir ist es recht, da ich mein Schreibzeug ja ständig mit mir führe und somit auch im Hotel arbeiten kann.

Abreisetag. – Wir richten es so ein, dass wir noch vor Mittag den Zielort erreichen können. (Falls es keinen Stau gibt!) - Aus den beiden Übernachtungen sind freilich drei geworden, da das Mathematik–Genie den Abreisetag nicht einberechnet hatte. Doch enthalte ich mich jeglichen Kommentars.

Die Fahrt ist geprägt von Zimmermanns Gefasel über Raketen; berechnete Schleifen und Loopings, so dass ich froh bin, als wir endlich das Ziel erreichen.
In unserem Hotel beziehen wir die vorgebuchten Zimmer, duschen und gehen danach zum Mittagessen.
Mein Freund ist bald darauf verschwunden, so dass ich in meinem Zimmer in Ruhe arbeiten kann.

Erst am späten Abend – ich habe längst gegessen – kehrt der Raketentechniker strahlend zurück. Er hat Bekanntschaft mit den Feuerwerkern geschlossen und manchen guten Tipp erhalten. Morgen darf er wieder kommen und ihnen bei ihren Arbeitsvorbereitungen zusehen.
- Das hat gerade noch gefehlt ! – Wie soll ich ihm denn nun noch die ganze Sache ausreden?
Nachdem er mich verlassen hat, gehe ich zu Bett und verschiebe die Problembewältigung auf später.
Auch der nächste Tag bringt mir höchst erwünschte Ruhe, so dass ich mit meiner Arbeit gut vorankomme. Mein Freund und Begleiter lässt sich nicht einmal zum Mittagessen sehen.
Erst am Abend kehrt er, wie bereits am Vortag, spät zurück. - Das morgige Ereignis wird freilich auch erst bei Dunkelheit stattfinden, so dass ich bis zum Nachmittag weiterhin meine Ruhe haben werde. –

Es ist, wie ich vermutete – und gegen 18°° Uhr fahren wir gemeinsam – da er heute früher zurückkehrte – zum Ort der Veranstaltung.
Die Darbietung ist wahrlich famos und meisterhaft ausgeführt. Nicht, dass ich Etwas davon verstünde, doch das Auge ist in solchem Falle ausreichender Zeuge und Bewertungsrichter.
- Farbige Lichtfontänen, Blumenmuster, - Feuerbälle, welche aus anderen, größeren solchen erscheinen! – Es ist einfach phantastisch und ein bisschen kann ich Zimmermann verstehen. - Auch ich bin angesteckt von Begeisterung!
Als das Schauspiel vorüber ist, würde mein Begleiter am liebsten direkt nach Hause fahren, um seine neuen Erfahrungen gleich in die Tat umzusetzen. Doch kommt dies freilich nicht in Frage. Wir suchen also wieder unser Hotel auf, trinken noch ein Bier in der Bar und gehen dann endlich schlafen.

Die Heimreise verläuft wie jede gemeinsame Fahrt : Ich steuere den Wagen, Zimmermann redet!
Natürlich redet er über Raketen und ihre Flugbahnen. Am liebsten würde ich selbst eine bauen und den Dauerredner damit in den Orbit befördern. –
Vermutlich würde er dort weiter reden. Doch da bekanntlichermaßen alles irgendwann ein Ende findet, so sind auch wir – Gott sei Dank – endlich wieder zu Hause angekommen.

Ich setze den Nimmermüden ab, suche mein eigenes Heim auf und lege mich sofort in mein Bett. Es wird Stunden dauern, bis meine Zimmermann–Migräne wieder verschwindet!
- Meines Freundes Tick verschwindet nicht wieder. Als ich ihn am nächsten Tag aufsuche, um ernsthaft mit ihm zu sprechen, sitzt er schon wieder in seinem Garten und bastelt an seiner Modell–Rakete.

Zwei Wochen später das gleiche Bild. (Ich sollte wirklich mit dem befreundeten Nervenarzt über ihn sprechen.)
Warum lässt du die Sache nicht einfach bleiben? Du warst doch noch nie geschickt in handwerklichen Dingen. Außerdem brauchst du für solcherart Dinge behördliche Genehmigungen, welche du doch niemals erhalten wirst.“
Der Raketen–Ingenieur greift in seine Jackentasche und zieht mehrere gestempelte Papiere hervor. Ich traue meinen eigenen Augen nicht! - Es sind die erforderlichen Genehmigungen!

....Er macht weiter. – Irgendwann ist die Modellrakete verschwunden und in seinem Garten liegt ein wahrhaft gewaltiges Ungetüm....

- Ich wurde von ihm angerufen und soll ihn in einen stillgelegten Steinbruch fahren. – Mitsamt der Rakete. Die erforderliche Genehmigung hält er mir unter die Nase. -- Wir fahren....

- Die gezündete Rakete trudelt wie verrückt durch die Luft, beschreibt Spiralen und Salti, doch Zimmermann lässt sich nicht beeindrucken.
Schon besser,“ ist sein einziger Kommentar.
Ich gebe es auf. Er wird es niemals einsehen, dass seine Rakete nicht funktionieren wird. Ich fahre nach Hause.

Vier Monate später lädt Zimmermann mich ein, zu einer weiteren Vorführung bayerischer Feuerwerker zu kommen. Er wird als Teilnehmer seine nun endlich funktionierende Rakete starten.
Ich kann es nicht fassen! Er soll es tatsächlich geschafft haben? - - Wir fahren.

Erneut großartige Darbietungen konkurrierender Gruppen von Feuerwerkern aus unserem Lande. Zimmermann mit seiner einzigen Rakete soll als Letzter an die Reihe kommen.


-

















Er wird sich lächerlich machen... Wenn schon...! Vielleicht wird ihm dies dann die notwendige Lehre sein....
Er startet sein Gerät. - - Was ich sehe, lässt mir vor Erstaunen den Kragenknopf abspringen!
In großen, leuchtenden Lettern schreibt seine Rakete folgende Worte in den nächtlichen Himmel :
`Z i m m e r m a n n i s t d e r G r ö ß t e ! ! ! ́
Vor meinen Augen beginnt sich Alles zu drehen. - - - Dann erwache ich ....

- - Was für ein idiotischer Traum....! Ich bin schweißgebadet. Für zehn Minuten stelle ich mich unter die kalte Dusche und fahre anschließend zu meinem Freund, um ihm die ganze Traumgeschichte zu erzählen.

- - Zimmermann sitzt in seinem Garten und bastelt an einer Rakete ....
Ich suche meinen Freund, den Nervenarzt, auf ....









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