Der Alte Löwe brüllt nicht mehr

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Einst war er jung und voller Mut
und Keiner konnte ihn besiegen.
Feinde in Furcht vor seiner Wut;
- Jed’s Löwenweibchen wollt’ er kriegen.
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Weithin bekannt war seine Kraft
und all’zeit er sie konnt’ beweisen.
Respekt er damit sich verschafft’;
- manches Löwenkind wollt’ verwaisen.
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Sein’ Stimme war wie Donnerhall,
wann immer er ließ sie ertönen.
Gefürchtet bei den Ander’n all’;
- denn nichts konnt’ ihn dann noch versöhnen.
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Sein Rudel lebt’ in Sicherheit
und nichts es zu befürchten hatte.
Denn er war allezeit bereit;
- Keiner, dem Zutritt er gestatte...
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Zu Fressen stets er hatt’ genug;
- seine Weibchen gut versorgten ihn.
Denn fleißig waren sie und klug;
- mit Wonne auch gaben sie sich hin.
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So wuchs das Rudel und gedieh;
- weithin gab’s keine Konkurrenten.
Papa den Kindern viel verzieh,
wenn Spiele wollten niemals enden...
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Auch alle Menschen hatten Ängst’;
stets, wenn seine Stimme ertönte.
- Denn bekannt war er ihnen längst
als der, welcher dem Blutrausch frönte...
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Getötet hatt’ er Menschen schon,
die unvorsichtig sind gewesen.
Für ihn es war gerechter Lohn,
nachdem die Fährt’ er hatt’ gelesen.
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Gehasst, gefürchtet, respektiert;
- dies war sein Ruf in weiter Runde.
Hatt’ Mensch und Tier doch drangsaliert,
und davon wollte geh’n die Kunde.
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Manch Einer hatte schon versucht,
den Löwenkönig gar zu töten.
Doch scheinbar war dies’ Tier verflucht;
der Jäger selbst wollt’ sein in Nöten...
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ER war der König – ungekrönt –
und königlich auch sein Gebaren.
Das Leben hatte ihn verwöhnt,
- ungeachtet aller Gefahren.
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Ein einz’ger Feind geblieben nur;
- ihn konnt’ man nicht mit Zähnen fassen.
Die Zeit – des Lebens Regelschnur –
würd’ sie ihn wohl am Leben lassen... ?
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Der Zahn der Zeit begann sein Werk;
kaum merklich fing er an, zu nagen.
Der Riese wurde nicht zum Zwerg,
doch durft’ er nicht mehr soviel wagen.
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- Kämpfen ging er aus dem Wege,
wenn eine starke Stimm’ erschallte.
Mangeln tat es ihm an Pflege;
- die eig’ne Stimm’ kraftlos verhallte...
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Schon bald er ganz alleine war;
- er hatte nie gelernt, zu jagen.
Des einst’gen Stolzes er nun bar;
- konnt’ zahme Rinder nun wohl schlagen.
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Eines Tages auch dies vorbei;
- verjagt ward er von allen Orten.
Nur in der Steppe war er frei;
- doch satt er konnt’ nicht werden dorten...
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....“Der Alte Löwe brüllt nicht mehr“;
so machte es schon bald die Runde.
So Manchem wurd’ das Herz gar schwer,
da er vernommen diese Kunde....
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Stolz man doch auf ihn gewesen,
trotz Furcht und Schwierigkeiten.
Nie zuvor ein solches Wesen;
- nicht Einer konnte dies bestreiten!
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Einzig er war – sein Mut – die Kraft!
Niemals wird kommen einer wie Er;
- so voller Leben – beispielhaft !
- - Der Alte Löwe – er brüllt nicht mehr .....
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(Aus dem Verseband 'Herr der Welt'
von B. Mich. Grosch)



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